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Das "Gladio"-Netzwerk

Die Geheimarmeen der NATO und ihre Rolle in Europa - Teil 2

In welchem Zusammenhang steht der Bombenanschlag auf das Münchener Oktoberfest mit 13 Toten am 26. September 1980 mit zahlreichen brutalen Attentaten in Italien, Belgien und anderen europäischen Ländern?
Im ersten Teil dieser Artikelserie berichteten wir darüber, wie die westlichen imperialistischen Mächte nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Kommando der NATO eine geheime antikommunistische Armee („Gladio“) aufbauten, um im Falle einer angenommenen sowjetischen Invasion in Europa Sabotageakte und Konterguerrilla-Aktionen durchzuführen. Wir berichteten außerdem, dass für diese geheimen sogenannten „Stay-Behind“-Netzwerke ehemalige SS-Leute und Neofaschisten rekrutiert wurden und dass sie spätestens seit den 60er Jahren dazu übergingen, unter dem Titel „Strategie der Spannung“ gezielt Terroranschläge gegen Zivilisten zu initiieren, um die politische Stimmung in der Bevölkerung nach rechts zu ziehen. Grausame Höhepunkte dieser Strategie waren der Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna im Jahr 1980 (85 Tote) und die „Massaker von Brabant“, bei denen in Belgien zwischen 1982 und 1985 28 Menschen von bis heute unbekannten Mordkommandos in Supermärkten und Restaurants getötet wurden.
In diesem Teil möchten wir auf die geheimen NATO-Strukturen in Griechenland und der Türkei eingehen, wo Gladio an mehreren Militärputschs beteiligt war.
Griechenland
In Griechenland gab es eine Gladio-Struktur namens „Hellenic Raiding Force“, die bereits 1944 auf persönlichen Befehl des britischen Premierministers Winston Churchill aufgebaut wurde – damals mit dem Ziel, die von den griechischen Kommunisten angeführte Volksbefreiungsarmee ELAS zu bekämpfen, die sich im Widerstandskrieg gegen die Nazi-Besatzer befand: „Da ELAS sowohl gegen die deutschen Nazi-Besetzer als auch gegen die von den Briten gesponserte Hellenic Raiding Force kämpfte, befürchtete Churchill ein PR-Desaster, sollte die britische Öffentlichkeit erfahren, dass London heimlich die Faschisten gegen die griechischen Kommunisten unterstützte. Im August 1944 wies er deshalb die BBC an, ‚jegliches Verdienst irgendeiner Art’ von ELAS unerwähnt zu lassen, wenn über die Befreiung von Griechenland berichtet wird. Doch nur wenige Wochen später sicherte ELAS den Sieg über die deutschen Besatzer, und Hitler war gezwungen, seine Truppen auch aus Griechenland abzuziehen. Churchill forderte sofort, dass die Widerstandsbewegung die Waffen niederlegen müsse, eine Anweisung, der ELAS bereit war zu folgen, wenn dies auch für den einzigen verbliebenen Gegner auf dem Feld gelte, nämlich für die von den Briten gesponserte Hellenic Raiding Force.“ (Ganser, „NATO-Geheimarmeen in Europa“, S. 331).
Nachdem sich Großbritannien weigerte, die faschistische Untergrundarmee zu entwaffnen, kam es im Dezember 1944 zu einer großen Demonstration in Athen gegen die britische Einmischung. Die Demonstranten wurden auf dem Syntagma-Platz von einem bewaffneten Mordkommando - vermutlich Angehörigen der „Raiding Force“ - angegriffen und insgesamt 25 Menschen, darunter auch Kinder, erschossen.
Im Herbst 1946 erhoben sich die antifaschistischen und fortschrittlichen Kräfte Griechenlands zum bewaffneten Kampf gegen die britischen Imperialisten und ihre faschistischen Handlanger. 1947 kam es zur Invasion von US-Truppen, die gemeinsam mit den Faschisten um die Kontrolle über Griechenland kämpften. 1948 wurde der griechische Volkswiderstand niedergeschlagen und der US-Imperialismus behielt die Kontrolle über seinen Stützpunkt in Griechenland, die er in den folgenden Jahren und Jahrzehnten mithilfe der CIA und dem griechischen Geheimdienst sicherte: „So wurde Athen zur Drehscheibe aller Aktivitäten der CIA auf dem Balkan und im Mittleren Osten bis hin zum Iran.“ (ebd., S. 337).
Die „Raiding Force“ blieb weiterhin aktiv und wurde gemeinsam von CIA und griechischer Armee unterstützt: „Die geheime antikommunistische Armee war ein höchst wertvolles Gut zur politischen Beeinflussung der Situation im Land. Die heimliche Zusammenarbeit zwischen dem amerikanischen Geheimdienst, dem griechischen Militär und der griechischen Regierung wurde wiederholt durch geheime Dokumente bestätigt, von deren Existenz die griechische Öffentlichkeit erst während der Gladio-Entdeckungen von 1990 erfuhr.“ (ebd., S. 334)
Die „Hellenic Raiding Force“ war insbesondere treibende Kraft des Militärputschs von 1967: „Der militärische Staatsstreich kam in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1967, einen Monat vor den anberaumten Wahlen, für die Meinungsforscher, auch diejenigen der CIA, einen überwältigenden Sieg des linksgerichteten Zentrums von Georges und Andreas Papandreou vorhergesagt hatten. Die Geheimarmee Hellenic Raiding Force begann den Putsch, der auf der Grundlage des Prometheus-Plans durchgeführt wurde, einem von der NATO entworfenen Komplott, das im Fall eines kommunistischen Aufstands ausgeführt werden sollte. Im Fall einer Gegenwehr war Prometheus eindeutig: ‚Zerschlagen Sie, ohne zu zögern, jeglichen feindlichen Widerstand.’ Gegen Mitternacht übernahm die Hellenic Raiding Force die Kontrolle über das griechische Verteidigungsministerium (...)
Wegen der direkten Beteiligung der Hellenic Raiding Force kann der griechische Militärputsch als ‚Gladio-Putsch’ bezeichnet werden.“ (ebd., S.342 f.)

Türkei
Die Türkei war - insbesondere während des Kalten Krieges - ein strategisch besonders entscheidendes Land für die westlichen Imperialisten unter der Führung der USA, was vor allem auf ihre geographische Lage zwischen der Sowjetunion und den Ländern des Mittleren Ostens zurückzuführen ist. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg massiv militärisch aufgerüstet und unterhielt nach den USA die zweitgrößte Armee innerhalb der NATO.
Die türkische Gladio-Armee wurde ab 1948 unter der Regie der CIA in Zusammenarbeit mit der faschistischen pantürkischen Bewegung aufgebaut, die auf der Grundlage einer rassistischen Ideologie die Schaffung eines Großtürkischen Reiches anstrebte. Der „Architekt“ der türkischen Gladio-Strukturen war Oberst Alparsan Türkes, der später, in den 60er Jahren, die faschistische Partei Millietci Hareket Partisi (MHP) und deren paramilitärische Organisation „Graue Wölfe“ (Bozkurt) aufbaute:
„Als die Türkei am 4. April 1952 der NATO beitrat, hatte Türkes bereits eine türkische Geheimarmee aufgebaut. Deren Hauptquartier nannte sich Tactical Mobilisation Group (Seferberlik Taktik Kurulu, STK) (...). Die Tactical Mobilisation Group wurde 1965 umstrukturiert und in Special Warfare Department (Ozel Harp Dairesi, OHD) umbenannt, der Name, unter dem das Kommandozentrum der türkischen Geheimsoldaten während der Gladio-Enthüllungen von 1990 bekannt wurde. Wegen dieser Enthüllung musste die Abteilung (...) noch einmal den Namen wechseln und wird heute Special Forces Command (Ozel Kuvvetler Komutanligi, OKK) genannt.“ (ebd., S.350)
Auf der Basis eines Berichts der in Paris herausgegebenen Zeitschrift „Intelligence Newsletter“ von 1990 führt Ganser weiter aus, „dass die türkische Geheimarmee als Konter-Guerilla bezeichnet und von der Abteilung für spezielle Kriegsführung betrieben wird sowie aus fünf Teilen besteht: ‚Ausbildungsgruppe, einschließlich Vernehmung und Techniken der psychologischen Kriegsführung; Spezialeinheit, seit 1984 spezialisiert auf antikurdische Operationen; Spezialabteilung und spezielle Operationen auf Zypern; Koordinationsgruppe, auch Drittes Büro genannt; und die Verwaltung.“(ebd., S.350)

„Tiefer Staat“
Aus den obigen Schilderungen wird deutlich, dass „Gladio“ in der Türkei bekanntermaßen bis heute existiert, von einer staatlichen Institution („Abteilung für spezielle Kriegsführung“) betrieben wird und ganz offensichtlich ein Teil dessen ist, was in der Türkei gemeinhin als „tiefer Staat“ bezeichnet wird: Eine Art geheimes Netzwerk zwischen Angehörigen der türkischen Staats- und Armeestrukturen, verbunden mit faschistischen und mafiösen Vereinigungen, vergleichbar vielleicht mit der italienischen P2 (wir berichteten im ersten Teil dieses Artikels) und darauf ausgerichtet, die politische Kontrolle auch jenseits legaler bürgerlicher Mechanismen aufrechtzuerhalten. Die Existenz einer derartigen Vernetzung wurde durch den sog. Susurluk-Skandal 1996 bildgewaltig demonstriert, als der Drogenhändler Abdullah Çatli, führendes Mitglied bei den „Grauen Wölfen“, bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Mit ihm im Auto saßen ein Parlamentsabgeordneter der damaligen Regierungspartei, der stellvertretende Polizeichef von Istanbul und eine ehemalige Schönheitskönigin – dazu fanden sich mehrere Schusswaffen. Çatli selbst hatte bei seinem Tod einen vom damaligen türkischen Innenminister persönlich unterzeichneten Reisepass bei sich, der ihn als Staatsbeamten auswies – und das, obwohl er zu diesem Zeitpunkt offiziell wegen Mordes auch international mit Haftbefehl gesucht wurde. Der eilig veröffentlichte Versuch des damaligen Innenministers, das wunderliche Szenario damit zu erklären, dass es sich um die Verhaftungsfahrt Çatlis gehandelt habe, entpuppte sich schnell als Lüge und führte zum Rücktritt des Ministers.
Die Konterguerilla bzw. Gladio war als Teil des „tiefen Staates“ die treibende Kraft bei den drei Militärputschs 1960, 1971 und 1980: „(...) am 27. Mai 1960 erlebte die Türkei einen Militärputsch, als 38 Offiziere, darunter auch der Verbindungsmann zur CIA, Oberst Türkes, die Regierung stürzten und den Premierminister Adnan Menderes verhafteten. (...) hinter geheimen Mauern hatte das türkische Militär wiederholt gegen das gewählte Parlament konspiriert. Bevor sie in die streng geheime Abteilung für spezielle Kriegsführung versetzt wurden, traten die Generäle offiziell in den Ruhestand, um danach fast unsichtbar dieser geheimen Kommandostelle zu dienen. ‚Die wichtigste Funktion der Abteilung für spezielle Kriegsführung waren die drei Staatsstreiche’, folgert Celik [Selahattin Celik, türkischer Journalist, A.d.R.]“ (ebd., S.351 f.)

Strategie der Spannung – türkische Variante
Die Methoden der Konter-Guerrilla waren insgesamt dieselben, die auch in Italien unter dem Titel „Strategie der Spannung“ angewandt wurden: Terror als Mittel der politischen Manipulation: „Trotz der Namensänderungen während der Zeit des Kalten Krieges blieben die Aufgaben der von der CIA finanzierten Abteilung für spezielle Kriegsführung gleich und bestanden aus gewaltsamer geheimer unorthodoxer Kriegsführung in einer Reihe von Operationen entsprechend der Anordnungen der führenden Militärs. In einer klassischen Operation zur Erzeugung von Spannungen warfen türkische Agenten der Stay-behind, Abteilung für spezielle Kriegsführung, am 6. September 1955 eine Bombe in ein Haus in Thessaloniki in Griechenland, das als Mustafa-Kemal-Museum genutzt wurde und deshalb von allen Türken hoch geschätzt wurde. Die türkischen Stay-behind-Agenten hinterließen kaum eine Spur und beschuldigten die griechische Polizei dieser Tat. Diese Aktion unter falscher Flagge funktionierte, und die türkische Regierung und die türkische Presse schoben die Schuld für diese Tat auf die Griechen. Kurz danach, am 6. und 7. September 1955, demolierten von der Konter-Guerrilla angefeuerte fanatische türkische Gruppen Hunderte von griechischen Häusern und Geschäften in Istanbul und Izmir. Dabei wurden 16 Griechen getötet, 32 verwundet und 200 griechische Frauen vergewaltigt.
Offiziell lautete die Aufgabe der Abteilung für spezielle Kriegsführung und ihrer Konter-Guerilla: ‚Im Fall einer kommunistischen Besetzung oder einer kommunistischen Rebellion Guerrilla-Methoden und alle möglichen Untergrundaktivitäten anzuwenden, um die Besetzung zu beenden.’ Doch als die Funktion der Stay-behind mit inländischen Kontrolloperationen und Aktivitäten unter falscher Flagge vermischt wurde, wurde es immer schwieriger, die Konter-Guerilla von klassischen Terroristen zu unterscheiden. Eine militärische Übereinkunft zwischen der CIA und der türkischen Regierung unter Adnan Menderes von 1959 betonte die inländischen Aufgaben der Geheimarmee und führte aus, dass die Geheimsoldaten ‚auch für den Fall einer internen Rebellion gegen das Regime aktiv werden sollten’.“ (ebd., S.351). Dumm nur für Regierungschef Menderes, dass die geheime Armee kurz darauf eingesetzt wurde, um ihn selbst aus dem Amt zu jagen...

Terror der 70er Jahre
Besonders blutig wurde die Tätigkeit der türkischen Gladio-Armee während der 70er Jahre, nachdem einerseits die türkische Linke erstarkt war und andererseits am 12. März 1971 der zweite Militärputsch stattgefunden hatte. Der gemeinsame antikommunistische Terror der Konter-Guerrilla, des türkischen Geheimdienstes MIT und der faschistischen Grauen Wölfe bestand aus Anschlägen und gezielten Morden und forderte Schätzungen zufolge 5000 Tote. Grausamer Höhepunkt dieser Entwicklung war das Massaker auf dem Taksim-Platz in Istanbul am 1. Mai 1977:
„Während der Terrorjahre der 70er Jahre hatten die großen Gewerkschaften der Türkei am traditionellen Tag der Arbeit am 1. Mai einen Protestmarsch zum größten Platz Istanbuls, dem Taksim-Platz, organisiert. (...) im Jahr 1977 waren mindestens 500.000 Menschen auf dem Platz versammelt. Der Schrecken begann gegen Sonnenuntergang, als Scharfschützen auf den Dächern der den Platz umgebenden Häuser auf die Rednertribüne feuerten. (...) 38 Menschen wurden getötet, Hunderte wurden verletzt. Das Schießen dauerte 20 Minuten lang, und dennoch schritten mehrere Tausend anwesende Polizisten nicht dagegen ein. (...)
Das Hotel International, von dem aus die Schüsse abgefeuert wurden, gehörte dem Unternehmen ITT, das bereit 1973 in die Finanzierung des Staatsstreichs gegen den Präsidenten Allende in Chile verwickelt war und mit der CIA auf gutem Fuß stand. Drei Tage vor dem 1. Mai wurde das Hotel von Gästen geleert, und es wurden keine Reservierungen akzeptiert. Am 1. Mai betrat eine Gruppe von Ausländern das Hotel.“ (ebd., S.365)
Das Massaker vom Taksim-Platz wird bis heute vom türkischen Regime als Vorwand herangezogen, die 1.Mai-Demonstration auf diesem Platz zu verbieten. In den 70er Jahren diente das Massaker als Bestandteil einer großangelegten Terrorwelle gemäß der „Strategie der Spannung“ dazu, den faschistischen Putsch von 1980 vorzubereiten, der den General Kenan Evren an die Macht brachte: „Vor Gericht behauptete ein Rechtsextremist später ganz plausibel, dass die Massaker und der Terror der 70er Jahre eine Strategie gewesen seien, um das Land zu destabilisieren und Evren und die militärische Rechte an die Macht zu bringen: ‚Die Massaker waren eine Provokation des MIT. Mit den Provokationen des MIT und der CIA wurde der Boden für den Putsch vom 12. September bereitet.’ Später wurde festgestellt, dass General Evren zur Zeit des Putsches der Abteilung für spezielle Kriegsführung vorstand und die Geheimarmee der Konter-Guerrilla kommandierte.“ (ebd., S.369).

Graue Wölfe
Für die Rekrutierung der Konter-Guerrilla hatte man bereits ab Mitte der sechziger Jahre in großem Umfang auf die von Oberst Türkes gegründeten Grauen Wölfe zurückgegriffen: „Die Grauen Wölfe waren alles andere als eine Jugendorganisation. Sie waren ein brutales Netzwerk ausgebildeter und bewaffneter Männer, die bereit waren, Gewalt anzuwenden, um die pantürkische Ideologie voranzubringen. (...) Diese nationale faschistische Bewegung wurde von der CIA instrumentalisiert und unterstützt, um in der Türkei ihre eigene Geheimarmee zu verstärken. Nach der Entdeckung der geheimen Stay-behind-Armeen der NATO in ganz Westeuropa wurde 1990 in der Türkei enthüllt, dass der CIA-Verbindungsoffizier Türkes bei den Grauen Wölfen sehr intensiv rekrutiert hatte, um die geheime Stay-behind-Armee (...) mit Personal zu versorgen.“ (ebd., S. 353 f.)
Berüchtigt waren in dieser Zeit die geheimen Folterkammern der Konter-Guerilla, in denen zahlreiche Kommunisten und fortschrittliche Kräfte gefangengehalten und ermordet wurden. Ein Überlebender war der frühere General und Beteiligte am Putsch von 1960, Talat Turhan, der nach dem zweiten Putsch 1971 in Ungnade fiel und gefangengenommen wurde: „Dass die Grauen Wölfe Mitglieder der Konter-Guerilla waren, musste Turhan in den berüchtigten Folterkammern der Villa Ziverbey in Istanbuler Distrikt Erenköy am eigenen Leib feststellen. Schon seit den 50er Jahren wurde die Villa für ‚Verhöre’ von Menschen aus ehemals sozialistischen Ländern, insbesondere aus Jugoslawien und Bulgarien, benutzt. Dabei erhielt die antikommunistische Konter-Guerilla ihre erste Ausbildung in Foltertechniken.“ (ebd., S. 355)
Talat Turhan sagte über die Zusammensetzung der Gladio-Armee das folgende aus: „Die Folterknechte, die sich selbst Konter-Guerrilla nannten, bestanden hauptsächlich aus Männern des türkischen Geheimdienstes MIT und der Grauen Wölfe.“ (ebd., S.356)
Nach dem Militärputsch von 1980 wurden die Grauen Wölfe und ihre „Mutterpartei“ MHP zwar offiziell verboten. Die Konter-Guerrilla blieb aber bestehen und die Faschisten blieben ihr Bestandteil. Kommunistische und andere linke Organisationen waren vom faschistischen Regime bereits in großen Teilen zerschlagen worden. Ein neuer Angriffspunkt der Konterguerilla wurde nun (ab 1984) der kurdische Aufstand unter der Führung der PKK. Hier griff der türkische Staat weiter auf die erfahrenen Nazi-Kader der Bozkurt zurück: „Nach zahlreichen Festnahmen füllten sich die türkischen Gefängnisse mit Terroristen der Grauen Wölfe, worauf Agenten des MIT ihre ehemaligen Waffenbrüder besuchten und ihnen ein attraktives Angebot machten: die Entlassung aus dem Gefängnis und ein gesichertes Einkommen, wenn sie bereit wären, im Südosten der Türkei gegen die kurdische Minderheit zu kämpfen. (...)
Bis heute zählt die Beteiligung der Stay-behind der NATO an den Kämpfen gegen die Kurden zu den bestgehüteten Geheimnissen in der Türkei und in Washington. Major Cem Ersever, ein ehemaliger Kommandeur der türkischen paramilitärischen Einheiten, die gegen die PKK aktiv waren, beschrieb später in seinem Buch ganz offen, wie die Konter-Guerrilla und andere paramilitärische Einheiten geheime Kriegsführung und Terror gegen die PKK anwendeten. (...) Zu den Operationen, die Ersever enthüllte, zählten Aktionen unter falscher Flagge, bei denen die Konter-Guerilla, verkleidet als Kämpfer der PKK, Dörfer angriff und die Menschen wahllos vergewaltigte und exekutierte. (...) Ersever bestätigte, dass ehemalige Graue Wölfe und andere Rechtsextreme direkt in den Gefängnissen für die Todesschwadrone der Stay-behind rekrutiert wurden.“ (S.371)
Aktionen „unter falscher Flagge“ gehörten auch in Italien zum terroristischen Programm der NATO-Geheimarmeen: Dort hatte man nach den Recherchen einer BBC-Dokumentation über „Gladio“ von 1992 zeitweise offenbar die „Roten Brigaden“ unterwandert. In Belgien waren die vermeintlich kommunistischen „Cellules Communistes Combattantes“ in den 80er Jahren in Wahrheit von Faschisten aufgebaut worden. Vermutungen über eine derartige Unterwanderung durch Geheimdienste und Rechte gibt es auch in Bezug auf die RAF in Deutschland.

Besonderheit der türkischen „Gladio“-Struktur
In der Türkei gingen die Gladio-Kräfte mit besonderer Brutalität vor, um kommunistische Bewegungen zu bekämpfen. Die Besonderheit der türkischen Gladio-Armee war erstens ihre extrem weit reichende Verankerung im Staats- und Militärapparat: „Angeregt durch die pantürkische Bewegung und die Vorstellung einer rassischen Überlegenheit der Türken dienten viele Angehörige des türkischen militärischen Geheimdienstes MIT (...) in der Konter-Guerilla und konnten von ihren Kollegen von den Grauen Wölfen kaum unterschieden werden. Die Recherchen zur Stay-behind in der Türkei ergaben, dass sowohl der MIT als auch die Einheiten der Konter-Guerrilla institutionell vereint waren, weil beide von der berüchtigten und heimlich durch die CIA gesponserten Abteilung für spezielle Kriegsführung in Ankara kommandiert wurden.“ (ebd., S. 356).
Die zweite Besonderheit war die Tatsache, dass sie mit der faschistischen Bewegung der Grauen Wölfe über eine Art Massenbasis mit etwa 200.000 Mitgliedern zur Zeit des letzten Militärputschs verfügte. „Celik, der Experte für geheime Kriegsführung, hob hervor, dass der ‚Geheimdienst die gesamte Gesellschaftsstruktur durchdrungen hatte’ und behauptete, dass ‚das Netz der Geheimdienste die einflussreichste Macht in der Türkei darstellt (...)’“. (ebd., S. 358).
Gladio initiierte in Griechenland und der Türkei mehrere Staatsstreiche, wobei der Militärputsch in der Türkei von 1980 zur Errichtung einer besonders grausamen faschistischen Diktatur führte. Es ist nicht übertrieben, davon zu sprechen, dass 1980 in der Türkei die Konter-Guerrilla bzw. Gladio offen die politische Macht übernahm. | Roter Morgen 11/2010
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