Hintergrund
Zur Geschichte Libyens – Teil 1
Libyen vor Gaddafi
Libyen wurde 1911 nach dem osmanisch-italienischen Krieg von Italien erobert und kolonisiert.
Widerstand gegen den italienischen Imperialismus formierte sich besonders in der Hauptstadt Tripolis, wo 1918 die „Republik Tripolis“ ausgerufen wurde. Dieser erste Versuch, die Besatzer aus dem Land zu vertreiben, wurde von der italienischen Armee jedoch schnell mit Gewalt erstickt.
Nach der Niederwerfung der „Republik Tripolis“ organisierten sich Stämme um den Emir Mohammad Idriss Snoussi in der Region Barka, um den Imperialisten Widerstand zu leisten.1922 konnte Snoussi in Barka eine Regierung etablieren, die auch auf Tripolis Einfluss ausübte. Aus Angst um sein Leben verließ der Emir Ende der 20er Jahre Libyen und floh nach Großbritannien. Den militärischen Widerstand leitete nun Omar Mokhtar, der noch heute in der arabischen Welt als Held gefeiert wird. 1931 wurde er von den italienischen Faschisten gehängt (Omar Mokhtars Kampf gegen die Besatzung wird in dem Film „Der Löwe der Wüste“ dargestellt). Nach dem Seitenwechsel Italiens zu den West-Allierten im Zweiten Weltkrieg 1943, ind em auch Libyen Schauplatz erbitterter Schlachten gewesen war, strebten Großbritannien und Frankreich eine Aufteilung des Landes unter ihnen und Italien an. Doch diese Überlegungen wurden 1946 auf Druck der USA fallengelassen und es wurde ganz im Sinne des Kampfes gegen den Kommunismus ein proimperialistisches Königreich mit dem aus England zurückgekehrten Snoussi als Monarchen aufgebaut. Dieses feudale, auf die einzelnen Stämme gestützte Königreich war komplett von den ausländischen Imperialisten abhängig. Mit Hilfe der USA wurden Heer und Verwaltung eingerichtet und die reichen Erdöl-Vorräte ausgebeutet. Gaddafis Putsch
Muammar Gaddafi wurde 1942 in Syrte geboren. Die Schule in Massrata musste er wegen politischer Aktivitäten ohne Abschluss verlassen. Später besuchte er die Königliche Militärakademie in Bengazi. Dort machte er 1963 den Abschluss und wurde Offizier der Königlichen Armee. 1965 war Gaddafi Mitglied einer Delegation der libyschen Armee, die nach Großbritannien zur Weiterbildung gesandt wurde.
Bereit 1964 hatte Gaddafi beim Aufbau einer Gruppe von Offizieren mitgewirkt, die vom arabischen Nationalismus Nassers beeinflusst war. Beim Militärputsch gegen die Monarchie 1969 spielte Gaddafi mit seiner Gruppe, trotz seines jugendlichen Alters von gerade einmal 27 Jahren und seines niedrigen Rangs eine führende Rolle.
Der Weltöffentlichkeit erschien der Putsch von 1969 als der Beginn einer gewöhnlichen Militärdiktatur, wie sie damals in den abhängigen Ländern nicht ungewöhnlich war.
Doch Gaddafi, der um einen dauerhaften Machterhalt bemüht war, ließ seine alten Mitverschwörer und Kameraden schnell beseitigen und setzte loyale Verwandtschaft in hohe Positionen von Wirtschaft, Bürokratie und Militär.
„Revolutionsführer“ Gaddafi – Ideen, Politik und Persönlichkeit voller Widersprüche und Seltsamkeiten
Das Grüne Buch und die „Dritte-Welt-Theorie“
Im April 1973 offenbarte sich das „Phänomen Gaddafi“. In einer berühmten Rede in Zouara proklamierte er die „Volksrevolution“, die auf fünf Grundsätzen basiere. Er forderte den Aufbau von Massenorganisationen „in jedem Dorf und in jeder Stadt“, die die „Herrschaft der Massen“ durchsetzen sollten
Die fünf Grundsätze der angestrebten „Volksrevolution“, die Gaddafi in dieser Rede darlegte waren:
Abschaffung aller alten Gesetze, Reinigung des Landes von allen politisch „Kranken“ , die sich gegen Volk und die „Revolution“ stellen, kulturelle Revolution, „Revolution“ der Verwaltung, Volksbewaffnung und zuletzt „Freiheit für das Volk, keine Freiheit für Volksfeinde“: „Das Land muss von allen politisch Kranken gereinigt werden. Jeder, der von Kommunismus oder Marxismus redet, wird ins Gefängnis gesteckt.“
1976 gab er sein berühmtes „Grünes Buch“ heraus, in dem er seine „Dritte Universaltheorie“ vorstellte. Gaddafi behauptete, die „Bestrebungen von Anarchismus, Kommunismus und dem Idealstaat Platons“ hätten sich in seinem Modell der Dschamahiriyya, der „Volksmassenherrschaft“ endgültig verwirklicht. Die Dschamahiriyya sei das Ergebnis der historischen Leistung der Menschheit und das Paradies auf Erden.
1988 ließ er auf öffentlichen Plätzen im ganzen Land ausländische Bücher und Musikinstrumente verbrennen und machte aus seinem Buch eine Ikone. Den Beruf des Anwalts hat er abgeschafft . Sogenannte „Revolutionskomitees“ propagierten Gaddafis diffuse Ideologie in Stadt und Land und sollten die Diktatur als eine Herrschaft des Volkes erscheinen lassen.
Das „Grüne Buch“, Gaddafis weltanschauliche Programmschrift, ist ein verwirrter Mix aus quasi-religiösem Sendungsbewusstsein und pseudo-revolutionärer Rhetorik. Im zweiten Kapitel behauptet Gaddafi, sein Buch werde nicht nur die Probleme der „materiellen Produktion“ lösen, sondern alle sozialen und seelischen Probleme der gesamten Menschheit.
Gaddafis volksfeindliche Innenpolitik
Um ein ähnliches Schicksal wie der weggeputschte König Snoussi zu vermeiden, schwächte Gaddafi den Einfluss der Armee und setzte stattdessen auf seine getreuen „Revolutionskomitees“, durch die er paramilitärische Verbände aufstellen ließ, die seine Söhne befehligten. Mit diesen loyalen Paramilitärs konnten erfolgreich diverse Volksaufstände unterdrückt werden.
1976 ließ Gaddafi die Studentenproteste blutig niederwerfen, die Studentenführer wurden ermordet.
1984 wurden elf Studenten, denen „Verbrechen gegen die Revolution“ vorgeworfen wurde, in der Universität von Bengazi exekutiert, die Hinrichtung live im TV ausgestrahlt.
1996 kam es im Abou-Slim-Gefängnis in Tripolis zu Gefangenenprotesten, die äußerst grausam aufgelöst wurden. 1200 Gefangene wurden auf der Stelle hingerichtet.
Dies sind nur einige Beispiele, wie Gaddafi unter dem Deckmantel der „Revolution“ das Volk auf grausame Art und Weise unterdrückt hat. | Roter Morgen 10/2010
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