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Ölpest im Golf von Mexiko

Die geplante Pest

Der Untergang der Ölbohrinsel im Golf von Mexiko zeigt einmal mehr die Unvereinbarkeit des Kapitalismus mit den Bedürfnissen der absoluten Mehrheit der Weltbevölkerung: Er war abzusehen und seine Ursachen bestehen fort. Die monopolistische Erdölindustrie ist ein Beispiel für die ausufernden Widersprüche dieses Systems.

Verheerende Folgen für Mensch und Umwelt
Im Golf von Mexiko ist die Ölbohrplattform „Deepwater Horizon“ (DH) des britischen Erdölmonopols BP am 20. April explodiert und zwei Tage später gesunken – seitdem sprudeln aus dem Bohrloch täglich mehr als 5000 Tonnen Öl ins Meer. Die Naturschutzorganisation WWF spricht davon, dass das „Naturerbe Meer“ als Lebensraum für Tiere und Pflanzen in der ganzen Region „im großen Stil durchseucht“ werde. Eine Wiederherstellung sei nicht abzusehen, eine spürbare Linderung der Folgen werde wohl erst in 10-20 Jahren eintreten. Was das für die Fischer – also vor allem die Fischindustrie und die zehntausenden in ihr beschäftigten Arbeiter – in Mexiko und den östlichen USA bedeutet, ist klar. Auch die Küstengebiete werden als Erholungsraum für den Menschen und als Lebensraum für viele Tiere, vor allem Vögel, rund um den Golf und entlang der US-Ostküste, möglicherweise in der ganzen Karibik, schweren Schaden erleiden. Anders als z.B. bei den regelmäßigen Unglücken von schiffbrüchigen erdölbeladenen Tankern wird das aus dem DH-Bohrloch austretende Öl-Wasser-Gemisch diese Schäden aber nur schleichend anrichten. Seine besonders zerstörerische Wirkung – direkte Vergiftung und Verklebung von Organismen, vor allem aber weitgehender Sauerstoffentzug – bleibt unter der Meeresoberfläche verborgen. Der bisherige Ölteppich ist daher „nur“ so groß wie NRW.

Vorläufer der aktuellen Ölpest
Betrachtet man die bislang aus dem DH-Bohrloch ausgetretene Menge Öl – bislang etwa 400.000 Tonnen in zwei Monaten – so handelt es sich schon jetzt um eine der größten Ölpesten der Menschheitsgeschichte und um eine der größten Umweltkatastrophen überhaupt. Als 1989 der riesige Tanker „Valdez“ des US-Erdölmonopols Exxon vor der Küste Alaskas zerbrach wurden ebenfalls tausende Kilometer Küste verseucht, hunderttausende Vögel und andere Tiere starben, viele der Helfer erkrankten durch den Kontakt mit dem Öl, zehntausende Fischer wurden arbeitslos. Die Folgen der Rekord-Verseuchung von damals sind noch immer nicht behoben. Damals waren es aber „nur“ 37.000 Tonnen Öl, also etwa ein Zehntel der bisher aus dem DH-Bohrloch ausgetretenen Menge.
Zehn Jahre zuvor, im März 1979, ereignete sich im Golf von Mexiko der bislang schwerste Unfall auf einer Bohrplattform. Damals traten etwa 800.000 Tonnen Öl über einen Zeitraum von zehn Monaten aus dem „Ixtoc“-Loch aus und verursachen die größte Ölpest der Geschichte – sieht man von den Folgen des zweiten Golfkriegs ab. Die Plattform „Sedco 135F“ des staatlichen mexikanischen Erdölmonopols PEMEX wurde damals vom US-Bohrunternehmen Transocean betreut, die Unglücksursache war ein so genannter blowout. Transocean ist auch für die DH zuständig gewesen.

Explosion durch „blowout“
Nun ist wieder genau das selbe geschehen: Auch die DH explodierte durch einen „blowout“. Diese Bohrplattform ist eine der größten und modernsten der Erde. Gebaut 1998 in Südkorea, drei Jahre später von BP in Betrieb genommen und seitdem im Golf von Mexiko im Einsatz bohrt das Stahlmonstrum im Wert von einer halben Milliarde Euro zehn Kilometer tiefe Löcher in den Meeresboden – teilweise mehr als einen Kilometer unterhalb der Meeresoberfläche. Unter extrem harten Salzkrusten liegt dort ein brühend heißes Öl-Gas-Gemisch seit Jahrmillionen gespeichert und kann bei der Bohrung und Förderung Explosionen auslösen, weil es hoch entzündlich ist und mit immenser Kraft durch das Bohrloch nach oben drückt. Um diese „blowouts“ zu verhindern gibt es besondere technische Vorkehrungen auf den Plattformen. Deren völliges Versagen führte sowohl 1979 als auch jetzt wieder zur Explosion und zur folgenden Ölpest.

Abenteuerliche Bohr-Bedingungen
Die DH bohrte für BP unter besonders abenteuerlichen Bedingungen. Da seit etwa fünf Jahren die weltweite Ölfördermenge trotz aller Bemühungen der Ölindustrie nicht weiter gesteigert werden konnte – das Ölmaximum, „peak oil“, scheint erreicht – und außerdem die leicht zugänglichen Ölquellen in der Hand staatlicher Erdölmonopole liegen (vor allem von Saudi-Arabien, Russland, Mexiko, China, Iran und Venezuela; staatliche Monopole fördern drei Viertel des weltweiten Erdöls) stehen die privatkapitalistischen Erdölmonopole der imperialistischen Großmächte unter großem Druck, wenn sie ihre Traumprofite weiterhin gewährleisten wollen. Sie fördern nur 10-15% des weltweiten Erdöls. Zunehmend greifen sie auf schwerer zugängliche Ölquellen zurück. Mittlerweile wird ein Drittel des weltweiten Erdöls unter Wasser gefördert, also „off-shore“. Die DH hatte kurz vor dem Unglück am selben Ölfeld die tiefste Bohrung der Geschichte vorgenommen – auf offener See, neun Kilometer in den harten Meeresboden hinein, der wiederum anderthalb Kilometer unter dem Wasserspiegel liegt.

Die Erdölindustrie...
Die Erdölindustrie ist der größte Industriezweig der Erde und hat entscheidende Bedeutung für die gesamte Weltproduktion. Das „schwarze Gold“ ist der Hauptrohstoff der Produktion von Treibstoff und der meisten bedeutenden Chemikalien und ein wichtiger Energieträger für die Gewinnung von elektrischem Strom. Jeden Tag werden 85 Millionen Barrel Öl gefördert, also etwa 14 Milliarden Liter Öl. Das macht etwa zwei Liter Öl pro Kopf der Weltbevölkerung pro Tag. Wie sich die kapitalistischen Monopole seit einem Jahrhundert alle anderen bedeutenden Rohstoffquellen unterworfen haben, so ist dies auch beim Erdöl der Fall. Daher ist die Erdölindustrie die am meisten kartellierte, am meisten zentralisierte Industrie der kapitalistischen Gesellschaft.
Hier wird der gesellschaftliche Charakter der Produktion so greifbar wie an kaum einer anderen Stelle: Die zentrale Planung der weltweiten Förderung und Verarbeitung sowie des weltweiten Transports des wichtigsten Rohstoffs der Menschheit unter Anwendung der modernsten Wissenschaft und Technik. Von den zehn größten privaten, also nicht-staatlichen Monopolen der Erde sind je nach Zählung vier bis sieben Erdölkonzerne, der größte Teil davon in der Hand des britischen und US-amerikanischen Imperialismus. In der Branche nennt man sie schlicht „big oil“. Die fünf größten der „big-oil“ sind gleichzeitig diejenigen fünf Großkonzerne der Erde mit den größten Profiten: Zusammen jährlich etwa 150 Milliarden Dollar. Durch diese Monopolisierung der Rohstoffquellen, durch die Bedeutung des Öls für das Schicksal der kapitalistischen Produktion und seine beginnende Verknappung hat sich die Macht des Großkapitals ungeheuer gesteigert.

...und die staatlichen Kontrollbehörden
Die Manager und Lobbyisten der Erdölmonopole haben entscheidende Macht sowohl im US-Staatsapparat als auch in vielen anderen imperialistischen Staaten und stehen oft in Personalunion mit wichtigen Politikern. Beinahe jedes Kind weiß: Für Öl führen die Großmächte blutige Kriege, unterwerfen Völker und morden Hunderttausende. Das Fadenkreuz der USA, des aggressivsten Kriegstreibers und größten Erdölverbrauchers (die USA verbrauchen ein Viertel der Weltölproduktion), richtet sich neben anderen wichtigen Kriegsgründen gerade deshalb auf Iran und Venezuela, weil sie Platz drei und sieben in der Rangliste der größten Erdöllagerstätten der Erde belegen.
Es ist daher nicht „besonders“ verwunderlich, dass sich bei den Untersuchungen zur Klärung der Ursachen der DH-Explosion herausstellte, dass die zuständige US-Kontrollbehörde (MMS) diesen Namen nur zur Beruhigung der Bevölkerung bekommen hat: Gemeinsame Jagdausflüge und Angeltrips von MMS-Kontrolleuren und Managern der Ölkonzerne waren Alltag, außerdem Festessen und der Besuch von Footballspielen... Ein Kontrolleur sagte dazu aus: „Jeder tat es“. Dazu kommt der ständige Wechsel von Kontrolleuren in die oberen Ölkonzernetagen und andersherum. Kurzum: Es ist eine lächerlich Comedy-Show der Imperialisten wenn sie uns nun weismachen wollen, sie seien darüber „verstört“, wie es jüngst US-Innenminister Salazar sagte. Nun hat man die MMS-Chefin gefeuert. Er habe schließlich erst letztes Jahr einen „Ethik-Kodex“ erlassen, schauspielte Salazar weiter. Nein, der einzige Ehrenkodex der Imperialisten heißt Maximalprofit! Für Profit gehen sie in Kriegen über Leichen und für Profit sind sie auch bereit, die größten Umweltkatastrophen auszulösen.

Unfall unausweichlich
Die DH war im Jahr 2001 übrigens von der MMS auf ihre Sicherheit gegen „blowouts“ getestet worden. Weil man nur 260(!) Fehler gefunden hatte, stufte man sie als „sicher“ ein. Dutzende Prüfungen verschiedener Behörden folgten. Das MMS selbst behauptete, das Risiko von blowouts sei im ganzen Golf von Mexiko gering und verlieh der DH im Jahr 2009 den SAFE-Award für besonders sichere Plattformen. Die DH galt als „sicherste Plattform“ von BP, obwohl ganz offensichtlich fast nichts am Sicherheitsmechanismus funktionieren konnte: Dichtungen waren wissentlich stark beschädigt, Batterien defekt usw. Die Kosten für die Reparatur sparte BP, um sie direkt zu Profit zu machen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres machte BP 5,6 Milliarden Dollar Profit.

Die DH-Explosion
Als am 15. April 2010, fünf Tage vor der Explosion, große Mengen an Gas aus dem Bohrloch austraten schütteten BP und Transocean das Loch notdürftig zu und behaupteten trotz offensichtlicher Risse und Lecks im Betonstöpsel, das Bohrloch sei „dicht“. Eine gründlichere Versiegelung hätte schließlich eine Woche gedauert und fünf bis zehn Millionen Dollar gekostet. Als man dann das Bohrrohr abzog, explodierte die Plattform binnen weniger Minuten. Elf Arbeiter starben. Ein Kranführer rettete noch mehrere Kollegen, bevor auch er verbrannte. Die überlebenden Arbeiter wurden von BP und Transocean dann zwölf Stunden auf offener See ohne Kontakt zur Außenwelt auf einem Schiff gefangen gehalten, während die BP-Manager Zugang zu Telefonen hatten. Danach waren sie wohl „vorbereitet“ für die Aussagen gegenüber den Ermittlungsbehörden.

Weitere werden folgen
Selbst wenn die Obama-Administration BP zu Schadensersatzzahlungen verpflichtet, die vielleicht sogar den Riesen BP an den Rand der Pleite bringen werden: „Die Ölindustrie wird ohnehin weitermachen wie bisher“ (Spiegel-Online). Allein im Golf von Mexiko stehen aber mehr als 3600 Bohrinseln. Weitere Tausende stehen im Großraum der Nordsee. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die aktuelle Ölpest von der nächsten, vielleicht noch schlimmeren gefolgt wird. Die zerstörerische und menschenfeindliche Verwendung gerade der modernsten Technik, gerade in den am meisten zentralisierten und am gründlichsten geplanten Wirtschaftsbereichen der Menschheit, wird unausweichlich bleiben, solange das die Produktion bestimmende Prinzip nicht die Befriedigung der Bedürfnisse dieser Generation und aller kommenden ist – sondern einzig und allein der Maximalprofit für eine Handvoll imperialistischer Räuber auf dieser Erde. Es gibt keinen effektiven Umweltschutz ohne Sozialismus. Vor allem das hat die Explosion der Deepwater Horizon eindrücklich bewiesen. Auch hier stößt uns die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft mit immer größerer Wucht auf die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution. | Roter Morgen 10/2009
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