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ROTER MORGEN online 6, 2007


Buchbesprechung


Sprengsatz Afghanistan

10.01.2008

Der Verfasser Christian Hörstel ist Christ und war Soldat der Bundeswehr. Er kennt Afghanistan seit 1985, als sich das Land im Krieg mit der Sowjetunion befand und er sich mit Hilfe von Angehörigen des pakistanischen Geheimdienstes ISI dort als Journalist hat einschleusen lassen. Heute schult er Bundeswehroffiziere für ihren Einsatz in Afghanistan. Hörstel war während der Taliban-Herrschaft einer der ganz wenigen westlichen Journalisten, die einen offiziellen Passierschein durch die Taliban erhielten. Hörstel ist kein Antiimperialist. Er leugnet – im Gegensatz zum Einsatz der USA – den imperialistischen Charakter des Einsatzes deutscher Truppen und lehnt ihn deshalb nicht rundweg ab. Er plädiert deshalb für eine Abnabelung von den USA und eine Erhöhung der deutschen „Entwicklungshilfe“. Aber gerade vor diesem Hintergrund gelingt es ihm, den wirklichen Charakter des Krieges in Afghanistan und die Verbrechen der Imperialisten aufzuzeigen. Vor allem deshalb ist sein Buch lesenswert.

Geschäfte besonderer Art
Von US-Soldaten werden mit Afghanen „Geschäfte“ besonderer Art getätigt. So hat ein US-General den Gouverneursposten der Provinz Nangarhar für 100.000 US$ verkauft. Untere Chargen verkaufen außer leichten Waffen, Helmen und Uniformen auch Treibstoffe, schwere Waffen und Fahrzeuge. Hörstel dazu: „Viele Afghanen haben das schon einmal so erlebt: zu Zeiten der sowjetischen Besatzung. Anders als damals tauchen jetzt jedoch auch sehr sensible Dinge am örtlichen Basar direkt neben der großen US-Basis Bagram bei Kabul auf ...: Computer, Laptops und haufenweise USB-’Flashsticks’. Einige davon, schreibt Los-Angeles-Times-Reporter Paul Watson, enthielten Namen, Adressen und Fotos von afghanischen Agenten, die den US Special Forces Informationen lieferten... Und durch einen lächerlichen Computer-Stick aus Beständen der US-Army wurde auch Wali Karzai, der Bruder des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, als größter Drogenwarlord des Landes geoutet.“

Zur sozialen Lage der Bevölkerung:
Von den 7 Millionen Afghanen hungern 22 Prozent, 20 weitere Prozent sind unterernährt. Die Lebenserwartung liegt bei 44 Jahren, die Kleinkindersterblichkeit bei 13,5 %, die Sterblichkeit von Kindern unter 5 Jahren bei 25 %, sauberes Wasser haben in den Städten 38 % der Bevölkerung, auf dem Lande 7 %; schreiben und lesen können 28 % der Afghanen (bei den Frauen sind es nur 15 %).
Und wie sieht es mit der Aufbauhilfe durch die ISAF-Truppen aus? Das Verhältnis zwischen Militärausgaben und Ausgaben für die Bevölkerung beträgt etwa 10:1.
Beim deutschen Beitrag stehen für 2007 dem Betrag von 700 Millionen Euro für das in Afghanistan stationierte Militär rund 100 Millionen Euro an Aufbauhilfe gegenüber. Von diesen 100 Millionen gehen 30 Millionen in den „Stabilitätspakt“ (was immer das heißen mag), 10 bis 12 Millionen in den Polizei-Aufbau, 8 Millionen an das Auswärtige Amt (für Kleinstprojekte, Richterausbildung, Kulturaustausch).
Für Wasserversorgung/Abwasserentsorgung sind 3,8 Millionen Euro vorgesehen, für Grundbildung (Grundschulen usw.) 1,5 Millionen.

Systematische Kriegsverbrechen
Hörstel hat - ausgestattet mit seinem Taliban-Pass und, wie er schreibt, völliger Bewegungsfreiheit - an zahlreichen Stellen in Afghanistan Untersuchungen der Bombenabwürfe vorgenommen. „So systematisch ich auch viele Trefferplätze untersuchte - bis zu einem Radius von 500 Metern, den abzusuchen ich mir vorgenommen hatte, fand ich ausschließlich zivile Ziele. Ein innerhalb dieses Radius getroffenes Ziel konnte kein ‘Kollateralschaden’ sein, war meine Überlegung. Ein Treffer mitten in ein rein ziviles Umfeld von über 60.000 Quadratkilometern Größe - das musste ein ‘Irrtum’, ein ‘Ausrutscher’ sein. Davon jedoch gab es zu viele, erst recht in Anbetracht der Tatsache, dass der Weltöffentlichkeit (wie üblich) ‘chirurgische Schläge’ gegen die ‘militärische Infrastruktur’ der Taliban angekündigt waren. Die Tatsache, dass alle Afghanen, die ich sprach, von derartigen Bombentreffern auf zivile Ziele berichten konnten, weitab von militärischer Notwendigkeit, wie sie die Genfer Konvention vorsieht, diese Tatsache brachte mich zu der furchtbaren Schlussfolgerung, dass es sich nur um Absicht handeln konnte.“

Hörstel beschließt sein Vorwort mit dem Wunsch: „Wenn ich zwei Wünsche für Afghanistan frei hätte, so wären es diese: Milde und Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ab sofort und in Zukunft. Gerechtigkeit ausschließlich in afghanischer Hand für alle Afghanen, seien sie innerhalb der Islamischen Bewegung oder außerhalb, gewesene oder jetzige Kommunisten, Sozialisten oder Monarchisten, Bauern oder Drogenwarlords, Alte, Frauen oder Kinder. Und Milde für die Vergangenheit. Denn wer arm ist, ist immer der Getretene (in Afghanistan wie bei uns in Deutschland) - und Verbrechen, die aus solcher Not geboren sind, zumal im Einsatz für Ziele wie Souveränität und Selbstbestimmung, sind anders zu bewerten als die Untaten der Wohlhabenden und Satten.“

Christoph R. Hörstel, Sprengsatz Afghanistan. Die Bundeswehr in tödlicher Mission, Knaur Taschenbuchverlag, Oktober 2007
- kadi –

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