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ROTER MORGEN online 11, 2010
RGO heute?
Kommunistische Basisarbeit im Betrieb - Revolutionäre Strategie, Teil 5Wir veröffentlichen im folgenden einen Beitrag von befreundeten kommunistischen GewerkschafterInnen zur Frage revolutionärer Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit. Wir halten diesen Text für einen wichtigen Beitrag zu einer Diskussion, die in der kommunistischen Bewegung in Deutschland dringend geführt werden muss und möchten alle LeserInnen dazu einladen, zu den betreffenden Fragen Stellung zu nehmen. Teil V
Anhang - Betriebsarbeit von außen
Die nachfolgende Checkliste soll Anregungen liefern, welche Punkte zu beachten sind, wenn man von außen eine Betriebsarbeit aufbauen oder in konkrete Kämpfe eingreifen will.
5.1. Erste Fragen klären
Welche Ziele setzen wir uns?
Welche Erfahrungen gibt es aus betrieblicher Arbeit oder linker Intervention bei Betriebskämpfen?
Welche Rolle spielen wir vor Ort in der linken Bewegung und was können wir kräftemäßig auf die Beine stellen, langfristig oder für kurze Zeit?
Wollen wir einen Kampf unterstützen, der zeitlich begrenzt ist oder eine kontinuierliche betriebliche Basisarbeit von außen in die Betriebe hinein entwickeln?
Welchen Betrieb wählen wir aus und warum?
Macht es einen Sinn oder ist es möglich ein Aktionsbündnis zu bilden und mit wem?
Welche Kontakte haben wir?
Wie stehen wir zum Gewerkschaftsapparat?
Wollen wir die Stellvertreterpolitik durchbrechen und wie?
Wollen wir konkrete materielle Ziele im Betrieb durchsetzen wie z.B. höhere Löhne, Festeinstellungen statt prekäre Arbeit, Verhinderung von Entlassungen/Umstrukturierungen usw.?
Wollen wir einen Kreis von Kolleg/Innen aufbauen, der sich gemeinsam gegen die Ungerechtigkeiten und Angriffe der Geschäftsleitung wehrt?
Wollen wir eine langfristige Betriebsarbeit als politisches Handlungsfeld entwickeln?
Wollen wir eine anstehende Schließung, Verlagerung, Massenentlassung verhindern bzw. zumindest Widerstand dagegen entwickeln; einen aktuellen Kampf z.B. Streik unterstützen?
Wollen wir als politische Gruppe Erfahrungen in einem bisher unbekannten Bereich sammeln;
Kolleg/Innen überzeugen und für die Gruppe gewinnen?
5.2. Vorarbeit außerhalb des Betriebs - Analyse über Betrieb und Belegschaft
Umfassende Informationssammlung und Analyse über den Zielbetrieb, sein gesamtes Umfeld und alle Akteure, die im Verlaufe der Intervention/Auseinandersetzung eine Rolle spielen könnten
Informationen über den Betrieb
Was wird hergestellt bzw. dort gemacht z.B.: Entwicklung, Vertrieb, Hauptsitz oder Zweigstelle?
Wie ist die Struktur am Standort:
Gebäude, Abteilungen, sitzt die Geschäftsleitung vor Ort?
Wie ist die unmittelbare Nachbarschaft:
Liegt die Firma z.B. im Industriegebiet oder im Wohngebiet, welche Firmen gibt es noch und wie viele Beschäftigte arbeiten dort, welche relevanten Verkehrsknotenpunkte sind in der Nähe.
Liegt die Firma im Wohngebiet dann sollte heraus gefunden werden, wie dort die soziale Zusammensetzung ist; wie werden die Nachbarn sich zu Aktionen (oder Streik) verhalten, sie unterstützen, neutral verhalten oder ablehnen?
Aktionsrelevante Informationen über:
Beginn und Ende von Schichtzeiten, wie viele Zugänge/Tore, ist das Werksgelände öffentlich zugänglich (z.B. in einem Industriepark) oder mit Wachschutz abgeriegelt oder mit Kamera überwacht; besteht die Möglichkeit an die Parkplätze ranzukommen (um Flugis unter Scheibenwischer zu klemmen), wie kommen Kolleg/Innen mit S-Bahn, U-Bahn oder Bus ins Werk (nächste Haltestellen), wo wäre der beste Platz für einen Infostand/Kundgebung; wo werden Graffities und Transparente am besten wahrgenommen; wo finden Betriebsversammlungen statt; wo BR/Vertrauensleutesitzungen
Geschichte des Betriebs / Standortes:
Lieferanten und Fremdfirmen: wer arbeitet alles im bzw. für den Betrieb z.B. Zeitarbeitsfirmen, Dienstleister (Wachschutz, Kantine, Gebäudemanagement), welche (Haupt)lieferanten gibt es; handelt es sich bei Lieferanten/Fremdfirmen um ehemalige Betriebsangehörige und Firmenteile, die outgesourct wurden; welche Lieferanten sind faktisch als „Subunternehmer“ vollständig/überwiegend von der Firma abhängig; befinden sich Lieferanten auf dem Werksgelände bzw. in direkter Nachbarschaft, innerhalb der Stadt/der Region;
Welche wichtigen Kunden gibt es, wie ist die Kundenstruktur: breit gefächert, einige wenige große Kunden;
Gibt es Möglichkeiten über Kunden Druck aufzubauen z.B.: just in time Belieferung eines großen Abnehmers; ein wichtiger Kunde steht mit Markennamen im öffentlichen Rampenlicht; staatliche Stellen oder öffentliche Einrichtungen wie z.B. Unis sind Kunden und bieten daher Ansatzpunkte für politische Kampagnen
Wer sind die Eigentümer, wer besitzt Kapitalanteile; wo sitzen die wichtigsten Eigentümer, welche geschäftlichen und sonstigen Interessen haben diese außerhalb unserer Zielfirma, die Ansatzpunkte bieten
Wer sind die wichtigsten Kreditgeber, was sind deren Interessen, wo liegen hier Ansatzpunkte;
wer sind die bedeutendsten Konkurrenten, wie werden die sich wohlmöglich im Laufe der Auseinandersetzung positionieren: stehen wir einer solidarischen, geschlossen Front der Kapitalisten gegenüber oder werden Konkurrenten versuchen die Schwierigkeiten unseres Zielbetriebes zu ihrem Vorteil auszunutzen wie z.B. Miehle und BSH während des AEG-Electrolux-Boykotts?
Firmenstruktur: ist der Betrieb Teil eines Konzerns; gibt es weitere Standorte, was wird dort gemacht; gibt es Tochterunternehmen; jeweils in der Region, in Deutschland, Europa, global; wie ist die rechtliche Struktur (GmbH, AG, Holding usw.) und wie die faktische in Bezug auf die Wertschöpfungsketten;
5.3. Informationen über die Belegschaft
Gibt es einen Raum (z.B. Fabrikhalle, Bürogebäude) als Ort, wo (größere Teile) der Belegschaft zusammenkommen und -arbeiten?
Wie hoch ist der Anteil der KollegInnen, die „draußen“ unterwegs sind:
Außendienst; Servicetechniker oder Tätigkeiten wie z.B. Lokführer, Briefträger, Auslieferungsfahrer, Trucker;
Gibt es Orte, wo diese KollegInnen regelmäßig hin müssen z.B. Vertriebsniederlassung, Büro und/oder wo sie zusammentreffen
Größe und Zusammensetzung der Belegschaft:
Angelernte, Facharbeiter/Innen, Angestellte, Akademiker usw., Frauenanteil, Alter, Auszubildende, Firmenzugehörigkeit, ethnische Herkunft/communities in Firma
Wie hoch ist die Personalfluktuation; wie hoch der Anteil der Prekären, welche Formen von prekärer Beschäftigung gibt es
Wo wohnen die Kolleg/Innen und wie kommen sie zur Arbeit
5.4. Kampferfahrung der Belegschaft
Wurde schon mal gestreikt, wann und wie viele der aktuellen Belegschaft haben daran teilgenommen; wurde der Streik als Erfolg/Niederlage erlebt; welche Rolle spielt diese Erfahrung heute im Bewusstsein der Kolleg/Innen bzw. bei den betrieblichen Aktiven, gibt es aktuelle Konflikte, in welcher Abteilung/Bereich, worum geht es dabei
Gibt es bereits eine Betriebsgruppe, aktive Vertrauensleute, KollegInnenkreise, Stammtische, Netzwerke; sind diese im Zusammenhang mit betrieblichen Konflikten aktiv geworden oder früher aktiv gewesen;
Welche sozialen Strukturen gibt es in einzelnen Abteilungen, Betriebsteilen, übergreifend:
z.B. Betriebssportgruppe; Fahrgemeinschaften von Fern- /Wochenendpendlern; Azubis; von der Firma gefördertes Engagement (z.B. Frauenförderung, Ehrenamt in Nachbarschaft);
Gibt es betriebliche AktivistInnen:
z.B. aus dem letzten Streik, Querulanten, Querdenker, z.B. KollegInnen, die sich erfolgreich gegen eine Kündigung gewehrt haben und immer noch dabei sind; KollegInnen, die wegen ihrer widerspenstigen Haltung gemobbt werden
Kontaktdaten:
Handy, E-mail und nie vergessen die Wohnanschrift, damit man gegebenenfalls die KollegInnen z.B. bei Kurzarbeit, Aussperrung, Kündigung mit Hausverbot, in Momenten der Niedergeschlagenheit, Krise, des Rückzuges usw. auch persönlich aufsuchen und mit ihnen reden kann
Wie ist die Einstellung und das Verhältnis der Belegschaft zu ihren Interessenvertretern, wie ist dies bei den aktiven KollegInnen
5.5. Informationen über die InteressenvertreterInnen
welche Gewerkschaften, berufliche Interessenvertretung gibt es am Standort, im Betrieb, im Konzern
ist der Betrieb, die Firma tarifgebunden
wie ist der Organisationsgrad, was sagt diese Zahl in der Realität aus
gibt es ein aktives Gewerkschaftsleben, eine Basis im Betrieb (z.B. Vertrauensleutetreffen und -aktivitäten)
gibt es einen Betriebs- bzw. Personalrat; Zusammensetzung nach Gewerkschaften, BR-Listen; wofür stehen die jeweiligen Gruppierungen im BR; wer ist der BR-Vorsitzende, seit wann ist er in der Funktion, welche Politik macht er; sonstige entscheidende Personen im BR (auch an eventuelle graue Eminenzen denken);
welche Bedeutung hat Standort, Betrieb, Konzern für die jeweilige Gewerkschaft
gibt es dem BR übergeordnete Strukturen wie GesamtBR. Konzern-BR; handelt es sich um eine Aktiengesellschaft mit Mitbestimmung, wer sitzt im Aufsichtsrat, wer ist Arbeitsdirektor
welche Politik haben die Interessenvertreter in der Vergangenheit generell, bei dem letzten aktuellen Konflikt/Thema betrieben; wie werden sie sich voraussichtlich bei der nächsten Auseinandersetzung positionieren; wie werden sie auf unsere Intervention reagieren
wer ist der für den Zielbetrieb zuständige Gewerkschaftssekretär, wie ist er/sie drauf; gibt es übergeordnete Gewerkschaftsstrukturen (bis hin zum Vorstand), die an dem Betrieb interessiert sind (z.B. weil er Teil eines großen Konzerns ist)
gibt es gemeinsame wirtschaftliche Interessen zwischen Firma und Gewerkschaft (z.B. Transfergesellschaften im Rahmen von Sozialplänen; regionale Wirtschaftsförderung mit staatlichen Subventionen; verwaltet die Gewerkschaft Belegschaftsanteile am Kapital (bei Opel als Beitrag der ArbeitnehmerInnen von IGM ins Gespräch gebracht)
welche Erfahrungen haben die Interessenvertreter im Umgang mit Opposition und wie haben sie sich dabei verhalten
welche sonstigen Posten und Funktionen haben maßgebliche Interessenvertreter wie z.B. der BR-Vorsitzende innerhalb der Gewerkschaft, im öffentlichen Leben und in der Parteipolitik; wie ist ihre Vernetzung in der lokalen, regionalen und Bundespolitik, -gewerkschaft zu bewerten
Auf welcher Seite steht der BR – wie hat er sich bisher verhalten
5.6. Informationen über die Geschäftsführung und Eigentümer
wie sind das Management, die Geschäftsführung, die Kapitaleigentümer organisiert und strukturiert;
Namen, Kontaktdaten (Handy, E-mail; Wohnanschrift, bevorzugte Aufenthaltsorte, z.B. das Hotel in dem der Deutschlandchef üblicherweise absteigt, wenn er den Standort aufsucht) der wichtigsten Entscheider
die Biografie der Manager durchforsten, Anhaltspunkte für ihr wahrscheinliches Verhalten im Umgang mit Konflikten, der Öffentlichkeit, der Presse usw. ermitteln; wie werden sie reagieren, wenn sie direkt und persönlich angegangen werden; gibt es Schwachpunkte in ihrem Leben (z.B. vertuschte Skandale, Karriereknicks, gescheiterte Aufgaben, die man in Erinnerung bringen kann); vom wen sind sie abhängig (wer sind ihre „Chefs“) und wie könnte man sie gegenüber diesen für sie wichtigen Personen in Verruf bringen (z.B. wird das Image und damit der Marktwert eines Managers kaum durch unsoziales Verhalten geschädigt, wohl aber durch den glaubwürdigen Nachweis, dass er nicht mal im Stande ist einen pobligen betrieblichen Konflikt geräuschlos zu managen)
5.7. Informationen über sonstige Akteure
gibt es Linke; Leute mit einer Vergangenheit im Betrieb (auch wenn sie bisher passiv waren);
Lokalpolitik und lokale Medien (wenn die Firma eine gewisse Bedeutung in der Stadt hat bzw. wenn es gelingt einen öffentlich wahrnehmbaren Konflikt zu erzeugen); wie sind diese strukturiert, gibt es potentielle Ansprechpartner, Kontakte; wie und womit kann man sie ansprechen, einspannen;
linke und linksradikale Bewegung vor Ort; ist diese mobilisierbar; wie müsste das angegangen werden;
Arbeiterklasse (regionale Zusammensetzung, Wohngebiete, Betriebe und Industrieparks mit einer räumlichen Zusammenballung, Verkehrsknoten usw.); alle Infos im Hinblick darauf, wie es gelingen kann einen Konflikt im Betrieb in die Klasse hinein auszudehnen und Solidarität zu organisieren
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