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ROTER MORGEN online 3, 2009
Kommentar
In Afghanistan nichts Neues?Afghanistan galt bisher als eines der ärmsten Länder der Erde. Laut einer Repräsentativumfrage in Afghanistan – so hieß es noch letztes Jahr in den Medien – ist die Mehrheit der befragten Afghanen davon überzeugt, dass der Krieg in Afghanistan deshalb geführt wird, weil es so arm ist. Nun erfahren wir plötzlich, Afghanistan sei überaus reich – es verfüge über ungeahnte Vorräte an Bodenschätzen wie Kupfer, Eisen, Gold, Lithium. Dagegen sei der Mohnanbau, von dem Bevölkerung heute noch großenteils zehre, ein Klacks. Die Schätze müssten nur gehoben werden und dazu seien die Afghanen allein nicht in der Lage. Man müsse ihnen dabei helfen. Und wir erfahren, dass Deutschlands Verbündete in diesem Krieg wie USA, Großbritannien oder Norwegen seit einiger Zeit damit begonnen hätten, diese Schätze zugänglich zu machen. Allein das unter einigen Salzseen in der afghanischen Provinz Ghazni entdeckte Lithium habe einen Wert von etwa 1 Billion US-Dollar – das sollen Geologen des Pentagon schon vor zwei Jahren herausgefunden haben. Lithium wird beispielsweise für die Batterien von Mobiltelefonen und Smartphones gebraucht. Von „atemberaubenden Möglichkeiten“ ist da die Rede, Afghanistan könne das „Saudi-Arabien“ des Lithiums werden. Bisheriger Marktführer ist Bolivien, dessen Regierung unter Morales sich nach Ansicht der Regierung der USA unbotmäßig verhält.
Dass Afghanistan reich an Bodenschätzen ist – etwa an Erzen mit 60 Prozent Eisenanteil (was sonst nirgendwo auf der Erde gibt) -, ist so neu nicht. Lapislazuli ist ein weiteres Mineral, das es fast nur dort gibt. Schon während der sowjetischen Besatzung in den 1980er Jahren waren diese riesigen Bodenschätze entdeckt worden. Angeblich wurden die Karten und Pläne von afghanischen Experten nach Abzug der sowjetischen Truppen geheimgehalten und versteckt. Nach dem Sturz der Taliban-Regierung 2001 hätten sie sie als offizielle Dokumente bekannt gegeben. Ob dies alles den gegen die Souveränität Afghanistans Krieg führenden Parteien nicht schon vorher bekannt war, darf bezweifelt werden. Der Terroranschlag vom 11. September 2001 bot dann einen brauchbaren Anlass, bereits vorher bestehende Kriegspläne in die Tat umzusetzen.
Allerdings war von den Bodenschätzen bisher in der deutschen Medienlandschaft höchstens mal am Rande die Rede. Letztes Jahr hieß es noch in den Medien, die Volksrepublik China habe für die Dauer von 30 Jahren die alleinigen Schürfrechte für Bodenschätze in Afghanistan von der Regierung Karzai zugestanden bekommen. Nun ja, Militär hat China bisher nicht im Lande stehen – und wie souverän die Regierung Karzai ist, kann man schon daraus ablesen, dass sie erst letztes Jahr ein Mit(!)spracherecht bei der Stationierung von Truppen im Lande gefordert hat (Fischer Weltalmanach 2010). Was dabei herausgekomen ist, ist uns nicht bekannt. Seit 2003 bis 2009 jedenfalls hat sich die Zahl der Soldaten unter ISAF-Kommando verzehnfacht. Tendenz steigend. Das Oberkommando sowohl über die US-Truppen der OEF (Operation Enduring Freedom) als auch über die UN-Truppen der ISAF liegt inzwischen ein einer Hand, der eines Generals der US-Armee (bisher McChrystal, der nun von Obama gegen den ehemaligen Oberkommandierenden im Irak, Petraeus, ausgetauscht wurde). Auch wenn Karzai gelegentlich über „Kollateralschäden“ (zivile Opfer) klagt: Von den Taliban wird die Regierung Karzai zutreffend als eine Marionettenregierung der Interventionsmächte begriffen. Das Sagen im Lande haben in zunehmendem Maße eben die Taliban, die ihren vergleichsweise primitiven Waffen die Interventionsmächte in Schach halten und zu einem immer höheren Einsatz zwingen. Nur eine Industrie boomt bisher dabei: die Rüstungsindustrie. Und da sind deutsche Produkte besonders gefragt: Als Waffenexportland liegt Deutschland auf Platz 3 in der Weltrangliste.
Der Tod von einigen zig Bundeswehrsoldaten fällt da nicht sonderlich ins Gewicht – vom Tod afghanischer Menschen (ob bewaffnet oder unbewaffnet) gar nicht erst zu reden.
Deutschland beteiligt sich den Medien zufolge nicht am Run auf die Güter des Landes, obgleich doch das US- „Verteidigungs“-Ministerium – wie es heißt – deutsche Firmen gern mit im Boot hätte. Und Deutschland führt seit einer Konferenz am 1.4.2009 in München ein Konsortium von 14 Ländern an, die sich mit entsprechenden Fonds am „Wiederaufbau“ des Landes (insbesondere von Justiz und Polizei) beteiligen. „Wir“ führen also nach wie vor einen ganz uneigennützigen Krieg aus rein humanitären Gründen – wenn man davon ausgeht, dass der Aufbau von Polizei und Justiz „rein humanitär“ ist und mit Herrschaft über ein Land nichts zu tun hat. Der ausgestiegene Bundespräsident hat also gelogen? Wer's glaubt, wird selig – aber erst im Himmel. © Verlag Roter Morgen, Postfach 300204, 44232 Dortmund
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